Donnerstag, 21. Juni 2018, 00:48

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Glossar: Literatur-Lexikon

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Zeitpunkt des Erzählens

Früheres Erzählen: Ereignisse werden erzählt, bevor sie sich in der erzählten Welt ereignen. Der Zeitpunkt des Erzählens liegt also vor dem des Erzählten. Markiert wird das durch das Futur.

Natürlich ist eine solche Verteilung der Zeitverhältnisse zwischen dem Erzählen und dem Erzählten selten. Sie beschränkt sich letztlich auf prophezeiende Erzählungen oder Vorhersagen.

Vorsicht: Die Tatsache, dass ein Erzähltext von einer Zeit handelt, die vom realen Autor aus betrachtet nach dessen Schreibakt liegt (z.B. beim Zukunftsroman), ist kein Indikator für früheres Erzählen. Der Text kann ebenso im Modus des späteren oder gleichzeitigen Erzählens geschrieben sein. Mit dem ‚Zeitpunkt des Erzählens’ ist also eine ausschließlich textinterne Relation gemeint.

Späteres Erzählen: Der Zeitpunkt des Erzählens liegt erkennbar nach dem des Erzählten. Diese Verteilung der Zeitverhältnisse zwischen dem Erzählen und dem Erzählten ist der Regelfall allen Erzählens. Er wird durch Verwendung des Präteritum markiert.

Beim ‚Späteren Erzählen’ gibt es zwei Besonderheiten zu beachten:

Zum einen kann es vorkommen, dass es trotz der Verwendung des Präteritums nicht die Hauptfunktion des Präteritums ist, darauf hinzuweisen, dass das Erzählte bereits vergangen ist: Episches Präteritum

Zum anderen kann späteres Erzählen vorliegen, obwohl ein Text im Präsens geschrieben ist: Historisches Präsenes

 

 

Gleichzeitiges Erzählen: Der Zeitpunkt des Erzählens fällt erkennbar und weitgehend mit dem des Erzählten zusammen.

Diese Verteilung der Zeitverhältnisse zwischen dem Erzählen und dem Erzählten hat sich erst in der Moderne ausgebreitet. Sie wird im Allgemeinen durch Verwendung des Präsens markiert. Da das Präsens aber auch als Historisches Präsens Verwendung finden und das übliche Präteritum äquivalent ersetzen kann, reicht das Präsens alleine nicht aus, um die Gleichzeitigkeit von Erzählen und Erzähltem erkennbar zu machen, so dass auch die spezifische Präsentation des Erzählten als Gleichzeitiges relevant wird. Dies ist etwa dann der Fall, wenn - ähnlich einer Live-Reportage - Fakten, Beobachtungen oder auch Gedanken so wiedergegeben werden, das die jeweilige Erzählzeit der jeweiligen erzählten Zeit der einzelnen Elemente erkennbar korrespondiert.

 

Eingeschobenes Erzählen: Das erzählte Geschehen ist zum Zeitpunkt des Erzählens noch nicht abgeschlossen, sodass sich Momente gleichzeitigen und späteren Erzählens gegenseitig durchdringen und durchmischen.

Diese sehr spezifische Verteilung der Zeitverhältnisse zwischen dem Erzählen und dem Erzählten liegt vor allem dann vor, wenn ein Ich in Brief- oder Tagebuchform erzählt und so erzählendes und erlebendes Ich eng miteinander verknüpft sind. Denn auf diese Weise kann der (Ich-)Erzähler immer wieder zwischen dem Erzählen von Vergangenem

(späteres Erzählen) und dem Eingehen auf die augenblickliche Situation (gleichzeitiges Erzählen) hin- und herwechseln. Da das Erzählen selbst Zeit in Anspruch nimmt, können zudem im Verlauf des Schreib- oder Erzählprozesses zu erzählende Ereignisse geschehen, die dann wiederum tatsächlich erzählt werden.